Ein Anker für die Donaustadt
Von Lukas Vejnik und Carina Sacher
Im vergangenen Jahr hat der Kultursommer den Schrödingerplatz entdeckt. Vor den Kulissen des Donauzentrums und des leerstehenden ehemaligen Amtshauses wurde getanzt, gelacht, geredet, entspannt. Der gepflasterte Platz mit Blumenbeeten und Sitzinseln unter Bäumen zeigte bei dieser mehrwöchigen Veranstaltungsreihe, was es im 22. Bezirk auch in Zukunft dringend braucht: qualitätsvolle, konsumfreie öffentliche Räume.
Mit der Weiterentwicklung der Freiraumqualitäten des Quartiers rund um den Schrödingerplatz und dessen Klimaanpassung beschäftigte sich zuletzt ein Entwurfsstudio am Institut für Landschaftsarchitektur an der BOKU. Mehr als die Hälfte der Studierenden skizzierte in ihren Projekten eine zukünftige Entwicklung bei Erhalt und Aufstockung der bestehenden Gebäudestruktur. In den Entwürfen wird auf den unbebauten Flächen nachverdichtet, während die Zwischenräume und Übergänge als Begegnungsräume neu gedacht werden.
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Die aktuellen Pläne für das Areal der Stadt Wien sehen allerdings anders aus: Das für die Stadtentwicklung der 1970er-Jahre charakteristische Amtshaus mit Städtischer Bücherei, Jugendzentrum, Volkshochschule und Veranstaltungssaal – früher als Haus der Begegnung beworben – soll abgerissen werden.
Seit Jahren gibt es zahlreiche Stimmen, die sich für dessen Erhalt einsetzen. Darunter die Österreichische Gesellschaft für Architektur und die Initiative Bauten in Not, die gemeinsam mit dem Verein DOCOMOMO Österreich, das Ensemble zum schutzlosen Denkmal erklärt haben.
Letzten Herbst bildete sich die Initiative „Bezirkszentrum Donaustadt bleibt“, die eine Petition für die Bewahrung und sanfte Weiterentwicklung dieses einzigartigen Begegnungsortes gestartet hat. Was für den Erhalt spricht, wird auf der Petitionsseite im Detail beschrieben. Die Initiative stellt die Frage, warum dieses sozial vollwertige, geschichtlich wertvolle und bautechnisch intakte öffentliche Bauwerk nicht zum integralen Bestandteil einer Quartiersweiterentwicklung werden kann.
Mit seinen öffentlichen Funktionen rund um den großzügigen Innenhof sei das Haus der Begegnung eine über Jahrzehnte gewachsene soziale Infrastruktur. Die räumliche Großzügigkeit ermöglicht vielfältige Aneignung und Teilhabe. Das Haus spielt in der Nachbarschaft eine bedeutende Rolle als kultureller Bezugspunkt. Darüber hinaus würde das Stehenlassen zur Abfallvermeidung und zur dringenden Reduktion von Treibhausgasemissionen beitragen, was vielfach als Hebel vonseiten der Baukultur und Klimabewegungen von der Politik gefordert wird.
Das für die Architekturgeschichte der Stadt Wien bedeutende Bauwerk kann demnach ein Baustein des neuen Quartiers werden. Anstelle des Abrisses wäre mit alternativen architektonischen und städtebaulichen Lösungen durch Weiterbauen und Umnutzen sowie der Verbauung von Stellplatzflächen ein lebendiges Viertel mit zusätzlichem Wohnraum möglich. Damit hätte das Quartier mit seinem intakten identitätsstiftenden Begegnungsort einen Startvorteil. Die vorhandenen Räume besitzen das Potential, um sich als öffentlicher und kultureller Begegnungsort im Sinne eines Ankerzentrums weiter zu entfalten.
Mittlerweile ist das Stadtteilbüro der Gebietsbetreuung für den 22. Bezirk in einen Teil der ehemaligen Ladenzone an der Adresse Bernoullistraße 1 eingezogen und auch heuer wird es wieder eine Sommerbühne am Schrödingerplatz geben. Vielleicht mit der einen oder anderen Diskussion, wie dieser wichtige Ort im Zentrum von Kagran als Gemeingut weiterwachsen könnte.
Carina Sacher und Lukas Vejnik arbeiten an einem Publikationsprojekt
zur Architektur der Wiener Volkshochschulen in der Zweiten Republik.
PS. Zur Brutalismus-Architektur, zu der auch das Gebäude am Schrödingerplatz zu zuordnen ist, ein BestOff.